© Frankfurter Rundschau 2001
Erscheinungsdatum 03.09.2001

 
 

Die Zeit und ihr glückliches Ende

Das Bl!ndman Saxophonquartett bringt Neues in Frankfurt

Von Hans-Jürgen Linke

Wie die Zeit vergeht! Der Komponist Hubert Machnik macht daraus keinen Stoßseufzer, sondern eine musikalische Erkundung der Zerschneidung unseres Erfahrungsraumes durch das, was wir Zeit nennen, ohne genau zu wissen, was es ist. Immerhin gibt es inzwischen Astrophysiker, die glauben, Zeit sei keine apriorische Kategorie der Welterfahrung, sondern eine Fiktion, die aus dem Bedürfnis entstanden ist, den Ereignissen eine Ordnung beizumessen. Das Material, das den elektronischen Teil von Machniks Komposition ferner bildet, ist auch eher mit Kategorien des Raumes beschreibbar. Es entstammt den Stadträumen von Frankfurt und New York und ist in der elektronischen Bearbeitung zu einer Reihe von aneinander stoßenden Klangflächen geformt, die von rhythmisch-melodischen Saxophon-Riffs wie von einer Dichtungsmasse verbunden werden. Als Zeit-Studie ist ferner also keine naive Abbildung der Hektik des Gro§stadtlebens, sondern eine genau gezeichnete kategoriale Verwischung. Auf der Bühne des Frankfurter Mousonturms kehrt bei der Uraufführung diese Dualität wieder als formale Konfrontation einer elektronischen Klangspur mit einem Saxophon-Quartett; beide gehen insofern ineinander über, als die Musiker selbst Einsätze und Dauer der eingespielten Klangflächen und damit den zeitlichen Ablauf der Komposition steuern. überhaupt geschehen immer mehrere Dinge zugleich, wenn das Bl!ndman Saxophon Quartett auf der Bühne steht. Eric Sleichim, Komponist und Gründer des Ensembles, das am Brüsseler Kaaitheater eine Heimstatt hat, befasst sich nicht nur mit Musik, sondern immer auch mit der räumlichen Situation der Aufführung. Bl!ndman-Konzerte sind inszeniert - nicht so, dass die Bedeutung der Musik durch theatralische Zutaten eingeschränkt würde, sondern durch behutsame Arrangements in der Postierung und Ausleuchtung der Musiker. Die spezielle Art des Auftretens stellt eine Verbindung zu den Klanggesten her und erzeugt eine dramatische Atmosphäre, die für die Musik so etwas wie eine Plattform bildet. Das Konzert mit dem Titel "Bl!ndman Electric" besteht aus sechs Akten mit fließenden Umbaupausen, in denen die Stücke einen übergreifenden Zusammenhang bilden. Für den hat Machniks ferner das Paradigma gesetzt: Es sind Erkundungsstücke, die sich in weitem Sinne mit den Kategorien Zeit und Raum befassen. Zugleich werden verschiedene Möglichkeiten zeitgenössischer Komposition vorgeführt, elektronische Musik in Komposition und Aufführung zu integrieren. Bei Sleichims eigenem Werk Domestic Disruptions zum Beispiel werden die Saxophone ausschließlich als Impulsquellen für elektronische Bearbeitung genutzt. Aus Klappen- und Klopfgeräuschen, Rückkopplungen und deren Modifikation entsteht ein durch den Raum hastendes dramatisches Setting, in dem die vier Musiker aufeinander einwirken, ohne aufeinander zu antworten: eine präzise, gleichwohl wild rhythmisierte Montage aus klanglichen Parallelwelten, die sich vermutlich im Unendlichen treffen, wo ihnen keine Erfahrung mehr folgen kann. Helmut Oehrings Stille Macht dagegen scheint sich auf einen dramatischen Point of no return hin zu bewegen. Über düster grundierenden, weich und organisch klingenden Phasen mit drei Bariton- und einem Tenorsaxophon läuft eine flimmernde Montage aus konkreten Geräuschen, die in Sekundenschnelle Assoziationsräume entstehen und wieder verschwinden lässt. Eine aus gro§er Nähe aufgenommene Stimme mit fragmentierten Flüster-, Selbstgesprächs- und Atemgeräuschen bildet darin so etwas wie das Leitmotiv und erzeugt eine zunehmend panische Anspannung, die sich nach einer kurzen Kumulationsphase nicht löst, sondern im Finale wieder neu aufzubauen beginnt. Diese makabre Dramatik wird durch Sleichims spielerisch perkussives elektronisches Saxophon-Geräusch-Stück Storm at low Tide gekontert und erhält in der Suite Stadt Land Fluss ihren gewichtigen Widerpart. Sleichim hat das Stück aus drei Werken des Frankfurter Komponisten Heiner Goebbels kompiliert und für Saxophonquartett und Elektronik eingerichtet. Der erste Satz "Writing" ist dem Bühnenstück Schwarz auf Weiß entnommen, die "Allemande/Les Ruines" stammt aus der Samplersuite aus Surrogate Cities, das bukolische Sopransaxophonsolo "The Beanfield" aus der Henry David Thoreau gewidmeten Orchesterkomposition Walden, und die abschlie§ende Gigue ist wiederum Surrogate Cities entnommen. Die Ruhe, die von dieser Suite ausgeht, scheint aus der Klarheit ihrer Bauweise zu erwachsen. Bei aller Vielschichtigkeit der Stimmführung gibt es kein Gegeneinander der Komponenten, sondern eine souveräne Integration. Die Erkundungsbewegungen darin geschehen wie zielgerichtet, dennoch entsteht nicht der Eindruck, dass hier blo§ bekanntes Gelände abgeschritten würde. Anders als in der das Konzert beschließenden Bl!ndman-Version von Steve Reichs New York Counterpoint, die die klassisch minimalistischen Motive ordentlich interpretiert und das Gefüge von Raum und Zeit reinthronisiert wie in einem Happy End.